Reden wir über Massentierhaltung

(Typische Lesezeit für diesen Blog-Artikel: ca. 12 Minuten. 

Bei den Bildern sparen wir uns die üblichen Schockfotos, die jeder kennt und zeigen lieber wie Landwirtschaft anders sein kann - aber ohne Marketing-Fake.)

 

Worum geht es? Drei Punkte: Wie funktioniert Landwirtschaft heute, wie wird Fleisch „produziert“ und von welchen Größenordnungen und Haltungsbedingungen sprechen wir? Dann kann sich jeder eine Meinung bilden und für sich die richtige Entscheidung in Sachen Fleischkonsum treffen. 

 

Doch es kommen noch zwei weitere Dinge dazu, nämlich:

·      das eigene Einkaufs- und Konsumverhalten, das idealerweise diese Entscheidung reflektiert und

·      sich auch im politischen Wahlverhalten und gesellschaftlichem Engagement entsprechend wiederfindet. 

Ist irgendwie der Unterschied zwischen Theorie und Praxis, Denken und Handeln.

 

Einführung: Landwirtschaft als Märchen

Kein aufgeklärter und bewusst lebender Mensch möchte Fleisch aus Massentierhaltung. Geht ja gar nicht. Billig soll es aber bitte schon sein, das Fleisch und bequem in der SB-Theke des Supermarktes oder des Discounters um die Ecke liegen. Der mit dem großen Parkplatz davor. Einmal hin, alles drin! Und kommen soll es von netten Bäuerinnen und Bauern aus der Region, bodenständig, authentisch; am liebsten ein Familienbetrieb, Mehrgenerationen, die Oma macht die Hühner. So ungefähr und maximal 10 Hühner, drei Schweine, fünf Milchkühe, ein Kälbchen und ein Misthaufen. Das nur mal so als Anhaltspunkt.

 

Gekauft wird das Fleisch dann meistens nett in Folie verpackt, so gar nicht nach dem ursprünglichen Tier aussehend, von dem es stammt, mit schönen Bildern von Romantikhöfen drauf. Die Marketingabteilungen leisten ganze Arbeit. Viel herzige Sprache: lecker, saftig, siegelig, tierwohlig. Qualität, Junker, Hofgut Lummerland, unbedingt Region. Mit Weide drauf und hübschem Puppenstubenfachwerk, Oldtimer-Traktor, glückliche Tiere, 100% irgendwas.

 

„Massentierhaltung“ - Annäherung an eine industrialisierte Produktionsform

Wie Industrie? Wir reden doch von Landwirtschaft; so eine mit Hof, Scheune, Geranien an den Balkonen, Misthaufen, Hühnern, Gockel, Schweinen, Kühe, Weide. Nun, das gibt es zwar noch, ist aber sehr selten geworden, praktisch verschwunden. In der Fachwelt spricht man daher von Tier- und Pflanzenproduktion, strukturellen Anpassungen. „Wachsen-oder-weichen“ war jahrzehntelang das Dogma von Funktionären, Politik und Verbandsvertretern; sich fit für den Weltmarkt machen, wir können nicht nur Autos, sondern auch Schnitzel! Konkurrenzfähig, spezialisiert, auf Höchsterträge ausgerichtet und Exportmärkte im Blick. Wenn jeder zweite Chinese einmal wöchentlich Nürnberger Bratwurst äße, was für ein Markt!

 

Höchstertrag, technisiert, spezialisiert, hoch arbeitsteilig - so funktioniert Landwirtschaft; fast jeder neue Trend wird umgesetzt. Dazu Kredite, Finanzierungen, Dokumentationspflicht für alles und jedes, Büroarbeit, Computersteuerung und die Bauern sind mehr schlipstragender Manager oder kostümbewehrte Frontfrau als Gummistiefel-Träger und Rinderflüsterer. Nun essen wir heute mittlerweile fast alle, fast täglich und in solchen Mengen Fleisch - und die Schwellenländer machen schon morgen diesen Ernährungsschmarrn mit - dass diese Mengen ja irgendwo und irgendwie produziert werden müssen. Fabrik, nur ohne Dach könnte man sagen. 

 

Größe oder Kleinteiligkeit eines landwirtschaftlichen Betriebs allein, sagt allerdings noch nichts über den Standard und das Niveau von Haltungsbedingungen, Tierwohl und Wohlbefinden von Nutztieren aus. Es gibt Großbetriebe die gut wirtschaften, auch konventionelle. Und es gibt Kleinbetriebe, in denen keine guten Bedingungen herrschen. 

 

Erfolgsstory Landwirtschaft

Die Landwirtschaft hat seit 1900 und besonders nach dem Ende des zweiten Weltkriegs mit großem technischen Fortschritt und vielen Neuerungen unsere Nahrungsmittelerzeugung extrem produktiv und günstig gemacht. Die Erfindung des Kunstdüngers, neue Anbau- und BearbeitungstechnikenMechanisierung, (hybrides) Saatgut und Züchtungen, nicht zuletzt auch chem. Spritzmittel (Pflanzenschutz). Kritische Denker sagen, aus Sprengstofffabriken wurden Düngemittelfabriken, aus Agent Orange-Werken, Fabriken für Pflanzenschutzmittel - eine gelungene Konversion?

 

Die ganz große Fehlentwicklung ist nur, dass nach der erfolgreichen Überwindung von Hunger- und Mangelperioden, kein stärkerer Fokus auf Qualität statt Quantität gelegt wurde. Selbstverständlich sind unsere Lebensmittel heute „überwiegend sicher“. Was Keimzahlen, Haltbarkeit, Rückstände und Nährstoffinhalte angeht, so stirbt oder erkrankt man im allgemeinen nicht sofort. Das war nicht immer so und ist definitiv eine große Errungenschaft. Doch aus satt wurde fett und fehlernährt. Je geringer der Bildungsgrad, desto dramatischer sind heute die Auswirkungen. Hochkalorische und hochverarbeitete Nahrung dominiert die Speisezettel vieler Menschen - überall auf der Welt, sofern sie Hunger überwunden haben. Raus aus dem Hunger, rein in den Diabetes. Menschen verlieren ihre sog. „Food Literacy“, werden zu essens- und ernährungstechnischen Analphabeten.

 

In der Fleischproduktion wird optimiert, gezüchtet auf schnelleres Wachstummehr Fleischansatz und bessere Futterverwertung; niemals-satt-werdende Fressmaschinen sind das Ergebnis. Weil es sich aber trotzdem um Lebewesen handelt, die noch dazu artspezifische Bedürfnisse und Verhaltensweisen haben, passt man einfach das Tier an den Produktionsprozess an. Hühner wollen z.B. scharren, Körner und Würmer picken, herumlaufen, in kleinen Gruppen soziale Beziehungen aufbauen, die eine klare Hackordnung beinhaltet. Langweilen sie sich und haben sie Sozialstress, weil sie einfach zu viele sind, so picken sie ihrer Nachbarin in die Federn. So kürzt man ihnen eben die Schnäbel. Und Schweine, die sich langweilen oder gestresst sind, knabbern am Ringelschwanz ihres Nachbarn, so wird der Ringelschwanz einfach kupiert. Kein Ringel, kein knabbern. Es steht auf Spaltenböden, damit die Ausscheidungen schnell und einfach entfernt werden können. Nebeneffekt sind Klauen- und Gelenkprobleme, sowie chronische Lungenerkrankungen durch die Ammoniak-Luft. 

 

 

Wo ist der Deckel – was sind Megaställe?

Der Jurist würde sagen, es kommt darauf an; in den USA sind Geflügelställe mit bis über eine Million Hühnern durchaus normal, in Deutschland bezeichnet man Ställe mit 50.000 bis über 100.000 Hühnern als Megaställe.

 

Indirekte Obergrenzen in der konventionellen Landwirtschaft

Obergrenzen gibt es einmal durch die betrieblichen Abläufe und die Organisation. Dann kommen baurechtliche Bestimmungen, die Vorschriften des Bundesimmissionsschutzgesetzes und die Auflagen der Gülleverordnung. Irgendwo muss ja das Futter herkommen und Mist/Kot/Gülle irgendwohin entsorgt werden. Findige Niederländer schließen z.B. Gülleabnahmeverträge und exportieren ihre Gülle nach Mecklenburg-Vorpommern oder die Eifel, beide relativ dünnbesiedelt und strukturschwach. Sind diese Kriterien eingehalten, so gibt es in der konventionellen Landwirtschaft keine festgelegten Obergrenzen.

 

Klare Obergrenzen in der ökologischen Landwirtschaft

Nur im Biobereich wird zertifizierten Betrieben eine klare Obergrenze vorgegeben. Bei Hühnern ist z.B. bei 20.000 Stück im Stall Schluss. Es können aber mehrere Ställe nebeneinander gebaut werden. Bei Schweinen liegt bei 14 pro Hektar Agrarfläche die Obergrenze.  Bewirtschaftet ein Bauer also z.B. 70 Hektar Land (1 Hektar (ha.) = 10.000 Quadratmeter), so dürfte er nach EU-bio-Standard max. 980 Schweine halten (70 ha.  x 14 Stck./ha. = 980 Stck.). 

Das sog. Verbandsbio (Bioland, Naturland, biokreis, Demeter) ist strenger und sieht auch eine klare Flächenbindung vor. Die Zahl der gehaltenen Tiere ist also an die verfügbare landwirtschaftliche Fläche für die Erzeugung der Futtermittel und das Ausbringen der Gülle oder des Mists gebunden. Eine Infografik des BR-Magazins quer gibt das im Überblick ganz gut wieder (Quelle: BR, quer):

 

 

Billig als Mantra

Warum das alles? Ganz einfach, Fleisch soll möglichst billig sein, damit es sich jeder täglich leisten kann. Darauf sind Landwirtschaft, Politik und EU seit Jahrzehnten ausgerichtet. Bio hin oder her, der Marktanteil von Biofleisch in der gesamten Fleischerzeugung liegt ja nach Marktforschungsstudie zwischen zwei und vier Prozent. Und Umfragen, wonach sehr vielen Verbrauchern gutes Fleisch wichtig ist, sind ihr Geld nicht wert. Ein angestrebtes Verhalten hört mehrheitlich spätestens an der Ladenkasse auf. Apropos Ladenkasse: die Oligopolstrukturen im deutschen Lebensmitteleinzelhandel (ALDI, LIDL, REWE und Edeka zusammen kommen auf rund 85% Marktanteil) bedingen, dass auch auf Seiten der Erzeuger Größe zur Grundbedingung wird. Und allein der Preis entscheidet.

 

Realitätscheck empfohlen: soviel ist uns Fleisch wert – die Schlachtpreise

Die Suchmaschine des Vertrauens befragt, spuckt beim Suchwort „Schlachtviehpreise“ z.B. folgenden Link aus: https://www.lfl.bayern.de/iem/vieh-gefluegel/046111/index.php

Preise je kg Schlachtgewicht frei Eingang Schlachtstätte, ohne MwSt., incl. Zu- und Abschläge (Herkunfts- und Qualitätsprogramme, auch Biozuschläge; 41. Woche (8.10. – 14.10.2018): Schweinehälften Durchschnittspreis 1,44 Euro/ kg.

(Hinweis: o.g. Link funktionierte bei Veröffentlichung des Blogs, alternativ  nun hier:

https://www.proplanta.de/Markt-und-Preis/Agrarmarkt-Berichte/Schweinepreise-fuer-Bayern-2018-KW-42_notierungen1540314915.html

Braucht es da noch irgendeinen Anhaltspunkt? Dieser Preis erklärt, warum es ist, wie es ist. Für nur billig, gibt es für Bäuerinnen und Bauern kein angemessenes Auskommen; für Tierwohl und einen anderen, erweiterten Qualitätsbegriff keinen Platz. 

 

Und die vermeintlichen Tierschutzlabels oder verschiedenen handelsspezifischen Eigeninitiativen machen mehr Wohlfühl-Kosmetik, als dass sie wesentliche Verbesserungen erzielen: 10% mehr Platz von nix ist immer noch nix. Und 10 Eurocents mehr pro Kilo Fleisch für Mehr-Tierwohl-Bauer xy macht 1,54 Euro/kg statt 1,44 Euro. Immer noch Dumping vom Dumping.

 

So kommen wir zum Schluss dieses Artikels zum Ausgangspunkt zurück. Was ist die Lösung? Wie kann jeder und jede jeden Tag dazu beitragen, Massentierhaltung zu beenden:

·      Änderung des Konsumverhaltens und der Ernährungsgewohnheiten: weniger Fleisch und wenn Fleisch, dann aus kleinteiliger und ökologischer Landwirtschaft der Region; nicht vom Discounter, nicht von großen Handelskonzernen; vorzugsweise aus Direktvermarktung oder kleinstrukturierten, inhabergeführten Einzelhandelsgeschäften und -ketten, 

·      Einwirken auf die Politik auf lokaler, regionaler, Landes- und EU-Ebene unsere Landwirtschaft und Lebensmittelproduktion unter wertschätzenden und ökologischen Rahmenbedingungen zu gestalten.

  

Weiterführende Informationen & Buchtipps - eine kleine Beispielauswahl und die Klassiker:

Bio-Siegel: Was haben die Tiere davonLink zu Utopia.de,

Michael Pollan, Das Omnivoren-Dilemma, Goldmann-Verlag, 2011,

Jonathan Safran Foer, Tiere essen, Fischer Taschenbuchverlag, 2012.

Ein Projekt, gefördert von der Landeshauptstadt München -

Referat für Gesundheit und Umwelt. BioStadt München,

Ansprechpartnerin: Angelika Lintzmeyer, RGU-UVO11,

Telefon: +49-89-233-47560

Projektpartner: Genussgemeinschaft Städter & Bauern e.V. 

verantwortlich: Markus Hahnel
Mobil:  0176-577 40 330

markus@genussgemeinschaft.de